Schüsse auf schlafende deutsche Camper: „Will vor Sardinien warnen“

Ein Geschoss fliegt durch den ganzen Campingwagen – und verfehlt die schlafenden Italien-Urlauber nur um Zentimeter. Die Dashcam hält alles fest.

Villacidro – Es ist kurz nach fünf Uhr morgens in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag, den 18. Juni 2026. Heiko und Jana W. aus der Gegend um Chemnitz in Sachsen schlafen mit ihrem Hund in ihrem Campingwagen in einem stillen Bergtal auf Sardinien – hinter einem Stausee im Gebiet Villascema bei Villacidro, fernab von einem Campingplatz. Dann zerreißen Schüsse die Stille. „Früh um fünf sind wir durch Schüsse geweckt worden“, erzählt Heiko in einem Telefonat mit Merkur.de von Ippen.Media. Der erste Gedanke: ein Böller. Doch als er aufsteht und nach vorne schaut, sieht er das Einschussloch in der Frontscheibe.

Auf den Wohnwagen von Heiko W. wurde in Sardinien geschossen – während er darin schlief.
Auf den Wohnwagen von Heiko W. wurde in Sardinien geschossen – während er darin schlief. © privat

Viermal hatte jemand auf ihren Camper geschossen. Fotos und Videos, die die beiden auf Instagram veröffentlicht haben, zeigen die Einschusslöcher in der Fahrerkabine – und wie das Geschoss von dort aus tief ins Fahrzeuginnere weitergeflogen ist. „Von der Windschutzscheibe durch die Rückenlehne, durch das Bad und von dort durch die Schränke bis zur Bettdecke ist das Geschoss gelangt“, schreiben sie dazu. Gegenüber RTL sagt Heiko W.: „Die Patrone hat mich verfehlt. 20 Zentimeter oder so.“ Nur eine Handbreit weiter, und einer von beiden – oder ihr Hund – wäre getroffen worden.

Sardinien-Urlaub: Dashcam filmt den Schützen – Carabinieri kommen in 15 Minuten

Heiko schaut in der Nacht durch die zersplitterte Frontscheibe und sieht, wie ein Auto davonfährt. Erkennen kann er den Angreifer zwar nicht. Doch die Dashcam hat alles aufgezeichnet: wie jemand vor dem Fahrzeug einsteigt und viermal schießt. Das Nummernschild, hofft Heiko, könnte die Polizei mithilfe von KI-Technik rekonstruieren. Den Notruf lösen die beiden über die Satellitenfunktion ihres iPhones aus – mitten im Bergtal, ohne Mobilempfang. Keine 15 Minuten später stehen die Carabinieri vor Ort.

Noch am selben Tag wird ein 55-jähriger Bauer aus der Gegend festgenommen, der den Behörden bereits bekannt ist. Bei ihm beschlagnahmen die Carabinieri laut L‘Unione Sarda eine Schrotflinte Kaliber 16 ohne Seriennummer, zwei weitere Läufe sowie 35 illegal besessene Patronen. Wichtig: Die Festnahme erfolgte wegen unerlaubten Waffenbesitzes – ob diese Waffe tatsächlich für die Schüsse auf den Camper genutzt wurde, ist laut dem sardischen Blatt derzeit noch nicht gesichert. Der Mann steht unter Hausarrest.

Bürgermeister verspricht Aufklärung des Angriffs auf Sardinien – Botschaft schweigt

Der Bürgermeister von Villacidro, Federico Sollai, erklärte laut Calgari Today: „Soweit ich weiß, ermitteln die Carabinieri sehr intensiv, um diese Verbrecher so schnell wie möglich aus dem Verkehr zu ziehen und der Justiz zu übergeben.“ Und weiter: „Villacidro hat nach meiner Erinnerung noch nie Vorfälle dieser Schwere erlebt.“ Er bezeichnet den Angriff als Tat, „die nicht zur Geschichte, Kultur und den Werten unserer Gemeinschaft gehört.“ Weniger hilfsbereit zeigte sich offenbar die deutsche Botschaft: Heiko berichtet, er habe versucht, die Botschaft zu informieren – eine Rückmeldung kam nie. „Die hat das überhaupt nicht interessiert“, beklagt er sich.

Das Pärchen verlässt Sardinien noch am Abend des Angriffs mit einer zerstörten Windschutzscheibe. Die Fähre zurück aufs italienische Festland, dort das Ersatzteil – und dann direkt nach Hause. „Die Urlaubsstimmung war dann ohnehin erst mal weg“, sagt Heiko W.

Diese Hülse fanden die Urlauber in der Nähe ihres Wagens.
Diese Hülse fanden die Urlauber in der Nähe ihres Wagens. © privat

Angst vor Urlaub auf Sardinien: „Ich will, dass andere gewarnt werden“

Heiko hat sich mit seiner Geschichte bewusst an die Öffentlichkeit gewandt – um andere Urlauber zu warnen: vor dem Freistehen in abgelegenen Gebieten, vor Sardinien und vor den Konsequenzen, die Wildcampen in manchen Regionen provozieren kann. Noch am selben Morgen recherchiert er ähnliche Fälle und verfasst eine E-Mail an IPPEN.MEDIA, nachdem er dort über Schüsse auf eine Wildcamperin auf Korsika gelesen hat. Laut RTL will er dennoch wieder nach Sardinien fahren.

Heiko will, dass „andere gewarnt werden – vor dem Freistehen, vor Sardinien“, sagt er. Sein Instagram-Post (@withjanaandheiko) schlägt ein wie eine Bombe: Über 5.270 Likes und 1.785 Kommentare zeigen, wie sehr das Thema trifft.

Instagram-Reaktionen: „Das ist nicht weniger als versuchter Mord“

Die Reaktionen sind dabei gespalten: Viele sind entsetzt und solidarisch – „Das ist nicht weniger als versuchter Mord“, schreibt ein Nutzer. Andere schieben die Schuld dem Pärchen zu, weil Wildcampen auf Sardinien verboten ist. Heiko weiß das: „Es ist halt so eine Grauzone“, sagt er, und werde „überall praktiziert“.

Ein lokaler Sportverein, Natura 360, der seinen Sitz direkt am betroffenen Stausee hat, meldet sich öffentlich zu Wort: „Diese Tat repräsentiert weder unseren See, unsere Gemeinschaft noch die Werte, die die überwiegende Mehrheit der Menschen hier vertritt.“ Heiko habe zudem „unzählige Nachrichten aus dem Ort bekommen“. In der Camper-Community kursiert nach dem Vorfall ein Aufruf in sozialen Netzwerken: Mindestens 30 Wohnmobile sollen sich in Villacidro versammeln – als Solidaritätsaktion für die betroffenen Deutschen und als Zeichen gegen die Gewalt. (Quellen: Eigene Recherche, Instagram, RTL, Calgari Today, L‘Unione Sarda) (cgsc)

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